Kranz der Stiftung

Anlässlich der Beisetzung von Hermann Graf von Pückler in der Cottbuser Oberkirche St. Nikolai hielt Dr. Peter Gauweiler am 29. Mai 2017  eine viel beachtete Rede zu Ehren des Verstorbenen.

Wir geben sie im Original wider:

 

Liebe Elke, lieber Max,

liebe Geschwister,

sehr geehrte Herren der Geistlichkeit, liebe Familien und liebe Freunde,
lieber Herr von Finck,
hohe und höchste Vertreter der öffentlichen Gemeinschaften,
Herr Vizepräsident des Deutschen Bundestages Johannes Singhammer,
Herr Ministerpräsident Dr. Woidke,
Herr Altministerpräsident Stolpe,
Frau Staatsministerin Münch,
Herr Oberbürgermeister Kelch,
liebe  Gebirgsschützen!

In den letzten Wochen, nachdem noch einmal eine kühne Operation unseres Freun­des versucht werden sollte, in Los Angeles, was sich dann als nicht mehr durchführ­bar erwies, und als dann die Gewissheit kam, dass er von uns gehen würde, musste ich immer wieder an eine Jahrhundert-Geschichte denken, wo der todkranke Held auf das Flugzeug wartet:

,,Schnee auf dem Kilimandscharo„.

  Dort heißt es:

,,Und dann kam der Augenblick, wo plötzlich alles gut war

und das Gewicht wich von seiner Brust und er hörte das Flugzeug,

das er dann bestieg.

  Und er sah sie alle unten stehen und winken und vor ihm, so weit er sehen konnte,

so weit wie die ganze Welt groß,

hoch und unvorstellbar weiß in der Sonne war der flache Gipfel des Berges.

Und dann wusste er, dorthin war es, wohin es ging.

 

Die Pyramidenflur im Pückler’schen Park führt zur Landpyramide. Diese krönt die Inschrift:

,,Gräber sind die Bergspitzen einer fernen, neuen Welt.“

Wenn der wilde Schmerz verklungen ist, wird man es in der Rückschau auf den heu­ tigen Tag als große Gnade empfinden, dass es diese Stelle, dieser Ort und dieser Park sein wird, wo im Kreis seiner Familie und seiner Freunde Hermann Graf von Pückler in die andere Welt einreist.

Wir sehe ihn ja jetzt schon wieder vor uns, wie wir ihn immer kannten:

Groß und stattlich, ein bisschen amüsiert uns zusehend, was uns da versammelt. Gefasst und wunderbar offen zugleich.

Man bekommt wahren Adel nicht mit rauchgeschwärzten Bildern unserer Vorfahren verliehen„, schrieb er, Seneca zitierend, als er vor einiger Zeit die eigene Ahnengale­rie vorstellte.

Es ist ja völlig richtig: Die erbliche Aristokratie bezieht ihre Würde aus ihrer Herkunft. Hermann bezog die Achtung, die er von jedermann bekam, aus dem, wie er selbst war und was er tat.
Der Mann war der Stil selbst.

Und trotzdem: Wer das MonumentumFamiliae Pücklerianaeaus dem 17. Jahrhundert aufschlägt und ihr bis heute nachgeht, hat als Deutscher vor Augen: Hermann von Pückler’s Geschichte ist unsere Geschichte. Weit über den nationalen Bezug hinaus.

Königin Elisabeth II. brachte letztes Jahr, bei ihrem Deutschland-Besuch, den Deut­schen als Gastgeschenk Briefe und andere Texte von Hermann’s Urgroßonkel aus London zurück. Historiker haben nicht vergessen, dass es 450 Jahre zuvor ebenfalls ein Pückler war, der schon der ersten englischen Elisabeth gegen die Armada Philipps von Spanien als Ratgeber diente.

Familie, Heimat, Geschichte, Tradition: Aus so festem Grund lässt sich die außeror­dentliche Charakterstärke erklären, mit der Hermann von Pückler die Prüfungen sei­nes Lebens bestand. Von Anfang an, schon als 6-jähriger, wo er im Februar 1945 mit der Mutter und den Geschwistern aus Branitz floh, in einem alten Pferdewagen. Tage später auf den Hochufern der Elbe angelangt, mussten alle den Untergang Dresdens ansehen, bevor sie zu den Verwandten nach Niedersachsen gelangten.

Was Hermann von Pückler die Selbstsicherheit und zugleich die Selbstgenügsamkeit gab, die ihn den Ort, wo er her kam, zeitlebens über alles andere stellen ließ, war sein geradezu britisch anmutendes Selbstwertgefühl, das bei Deutschen nicht wirk­lich häufig anzutreffen ist.

Für ihn war Weltoffenheit selbstverständlich. Immer wieder hat er Arabien bereist, ganz Afrika, immer auch die Spur seines berühmten Vorfahr im Kopf.

Schon ganz früh, nach Beginn der beruflichen Laufbahn, hat er sich eine Expertise für die arabischen Länder erworben, namentlich für das Königreich Saudi-Arabien, die ihn zu einem ausgesuchten Ratgeber und Vermittler der deutschen Industrie werden  ließen. Er war ein Brückenbauer.

Hermann wurde zum Wahlbayer im guten Sinne des Wortes. An seinem Grab steht heute eine Abordnung des bayerischsten Bayern, des Bundes bayerischer Gebirgs­ schützen, aus der Kompanie Tegernsee, deren Mitglied er war.

Ganz früh, 1973, erwarb er im Oberland ein kleines Bauernhaus für sich und seine Frau, in Hundham, den „Lacknerhof‘ bei Fischbachau.

Hermann war in der Natur zu Hause. Dieser Mann war kein gräflicher Stubenhocker. Fischen und Jagen. Skifahren. Bergsteigen.  Den Wendelstein  hatte  er  vor  seiner Haustür. Der Spitzingsee. Die Rotwand.
Kein Motorrad, das er nicht reparieren konn­te. Dieser Edelmann war sich für keine Handarbeit zu schade.

Schon in der Schule war sein Banknachbar der Prinz Leopold von Bayern gewesen. Urgroßneffe unseres Märchenkönigs, also zu jenem in der gleichen Ahnenkette wie er zum Fürsten von Muskau und Branitz.

Die Parallelen dieser Vorfahren – herausragende Ausnahmearistokraten des 19. Jahrhunderts – sind augenfällig. Heinrich Heine nannte den alten Fürsten einst einen romantischen Anarchisten. Das hätte er auch über Ludwig sagen können.

Muskau, Branitz, Linderhof, Neuschwanstein. Gebaute  Träume.

Völlig quer zum Mainstream. Ihre Idee galt nicht dem Zündnadelgewehr und dem Kriegführen mit fremden Ländern, sondern der Ästhetisierung des eigenen Landes, seines öffentlichen Lebens, bis weit nach ihrer Zeit und damit von uns allen. Bauen ist Leben.

Es gibt in der Literaturgeschichte keine rührendere Abschiedsgeste als Fontanes

,,so spendet Segen noch immer die Hand, des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.“

 Was damals zwischen 1850 und 1880 in der Lausitz, im Chiemgau und bei Füssen fast zeitgleich als ästhetisches Gegenprogramm zum Machtanspruch des Reichs und der Politik ins Werk gesetzt wurde, brachte Segen. Segen bis zum heutigen Tag. Heute nennt man diesen allgemeinen Nutzen öffentlichesInteresse„.

 ,,Segen  spendenist nur ein anderes Wort für „im öffentlichen Interesse handelnd.

 Das großartige Kulturerbe zu halten und daraus ein Zukunftsprogramm für das ganze Land zu gestalten, sah Hermann von Pückler als seine genuine Aufgabe. Heute, am Tag seines Abschieds, kann er sagen: ,,Ich habe meine Aufgabe erfüllt.“

 Hermann war seit den 70ern Mitglied und Garant meiner Partei, der Christlich­ Sozialen Union in Bayern. Die politischen Auseinandersetzungen in der Demokratie waren für ihn wie ein gutes Schachspiel und er war um kein offenes Wort verlegen. Aber auch dabei blieb er alte Schule; obwohl mit Ministern und Regierungschefs auf Du und Du, hielt er seine reine Linie dadurch, dass er für den Wettkampf um Ämter persönlich völlig unerreichbar war. Für uns in der politischen Klasse war diese Ent­haltsamkeit oft unbegreiflich. Aber er wusste besser als wir alle, dass man mit jedem dieser Kämpfe Gefahr lief, ein Stück von sich selbst zu zerstören. Aber weil ihm auf der anderen Seite auch ganz klar war, dass dieser Wettbewerb in Freiheit nun einmal unvermeidlich ist – man nennt das Demokratie – unterstützte er unsereinen mit dem ganzen Engagement, das ihm möglich war. Mich hat er auch unterstützt. Immer wieder.

Danke, lieber Hermann.

In den 70ern war Franz Josef Strauß in sein Leben getreten. Genauer: Franz Josef und Marianne Strauß, der Du, liebe Elke, bis zu ihrem Tod die beste Freundin warst. Als sie starb, übernahmst Du gemeinsam mit ihren Kindern die Stiftung, die ihren Namen trug. Auch damit brachtet Ihr Segen für zahllose Menschen.

Jeder weiß, dass sich die Dinge zwischen Ost und West in den 80er Jahren in Be­wegung setzten und dass vom Westen her das politische Bayern dabei eine eigene Rolle spielte. Eigen und wirkungsvoll.

Am 12. Juni 1986 fuhr Hermann von Pückler mit Erlaubnis des Ministerrates der DDR, auf Vermittlung der bayerischen Staatskanzlei, von Polen kommend, wo man im Riesenfeld von in Auflösung befindlichen Kriegsgräbern das Grab des Vaters ei­nes mitreisenden Freundes – es handelte sich um Karl Dersch – suchte und fand, bei Frankfurt an der Oder in die Deutsche Demokratische Republik ein. Nach Cottbus. Nach Branitz.
Ministerpräsident Franz Josef Strauß hatte seinen eigenen Sohn Max Strauß zur Sicherheit mitgeschickt. Am nächsten Tag das Schloss. Der Park.
Das kleine Fenster des Sechsjährigen. „Von da bin ich vor 41 Jahren weggefahren“, sag­ te Hermann zu seinen Freunden noch. Dann konnte er, den sonst alle als so be­herrscht kannten, nicht mehr sprechen. Der brandenburgische Odysseus war zu­rückgekehrt.

Wir tragen gegen unseren Schmerz alle ein unsichtbares Band um unser Herz. Im berühmtesten Märchen der Gebrüder Grimm, in der „Geschichte vom Froschkönig oder dem Eisernen Heinrich“, hatte ein treuer Mann drei eiserne Bande um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge. Das Wunder eines Augenblicks, wo sich alles zum Guten gewendet hatte, ließ diese Eisenbänder mit einem krachenden Geräusch entzwei brechen:

,,Heinrich,der Wagen bricht.“

,,Nein  Herr, der Wagen nicht,

es ist ein Band von meinem Herzen

das da lag in großen Schmerzen …“

Als Hermann damals, im Sommer 1986, nach 40 Jahren sein Kinderzimmer wieder betrat und aus dem Fenster die gleichen Bäume, Pflanzen und Wiesen sah, als wäre er gestern erst fort gegangen – da brach das erste Band. Und die anderen Bänder brachen, als Elke kam und er seinem Sohn zum ersten Mal den Traum seiner Vor­ fahren zeigte.

,,Wer Muskau und Branitz gesehen hat, hat mir ins Herz gesehen„,

 sagte der alte Pückler Mitte des 19. Jahrhunderts. Was Hermann von da an mit vie­len Getreuen für diesen Erinnerungsort ins Werk setzte, war eine Art Wiedergeburt.

Ja, es gab auch Auseinandersetzungen.

Die Eigentumsfrage war für ihn kein Formelkram, sondern eine Verpflichtung aus der Generationen-Folge. Aber auf dem Eigentum – diese Formel gebrauchte er immer wieder – sollte auch für das Land Segen liegen. Eigentum sollte nicht zum Würgei­sen werden.

Das Leben bestand für ihn auch in dieser Frage nicht nur aus Fakten, sondern aus Sichtweisen und Standpunkten. Er wusste, dass diese Standpunkte nicht wieder un­versöhnlich werden durften. Hermann von Pückler lebte ja ein aktives Programm ge­gen die deutsche Krankheit vor: Gegen die Unversöhnlichkeit.

Fontane bezeichnete diese Eigenschaft bei seinem Dubslav von Stechlin als

,,lächelndes Darüberstehen.“

Wir müssen nach Wahrheiten suchen, welche die Kontroversen  überwinden. Das war sein Anliegen.
Die Wahrheit liegt nicht nur in dem einen oder anderen Argument, sondern in dem, was man Haltung nennt. Hermann von Pückler gab dieser Haltung ein Gewicht in herausragender Weise. Segen für sich. Segen für die Gemeinschaf.t Und diese seine Haltung findet im heutigen Heimgang nach Branitz ihre Erfüllung.

Wir nehmen Abschied von einem Mann, dessen Heimat das ganze Leben war.

Hermann Graf von Pückler:

den Christus im Park von Branitz zur Freiheit befreit hat.