Peter Gauweiler verabschiedete sich am 29.10.2018 in der Ludwigskirche von Wilfried Scharnagl mit einer großen Rede

Liebe Freunde,

nach so vielen Malen:

Ein letztes Mal habe ich Gelegenheit, an der Seite von Wilfried Scharnagl zu sprechen.

Er war ein Klassiker in unserer modernen Gegenwart und ich darf eine klassische Wendung des Marc Anton gebrauchen:

„Er war mein Freund, war mir gerecht und treu“.

Wilfried war im Reden und Schreiben ganz alte Schule. Seine Worte konnten wirken, wie wenn ein Blitz den Baum trifft. Und trotzdem war dieser kämpferische Wort- und Schreibkünstler am liebsten dem Teil der Schreibkunst verpflichtet, den man nicht nur den subjektivsten, sondern auch den anmutigsten nennt: der Lyrik – er liebte Gedichte, die er ohne Ende aufsagen konnte. Besonders gern „die Stufen“ von Heinrich Heine, wo wir

…“heiter Raum und Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen.“

Und in letzter Konsequenz:

„Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden“.

Und als Rat gegen den Schmerz:

„Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.“

Unser Leben besteht aus Erinnerungen und unsere Erinnerungen bestehen aus Bildern. Es war ganz klar, dass wir uns zu seinem Trauergottesdienst in der Ludwigskirche treffen mussten. Der Kirche von König Ludwig I., seinem Lieblingskönig, seine Kirche, die Kirche seiner Universität. Golo Mann, den er sehr schätzte und den er mehrfach erfolgreich einlud, für die CSU und FJS zu schreiben, der Sohn des großen Thomas, sagte über diesen Ludwig:

„Er war ein König, wie ihn das 19. Jahrhundert keinen anderen mehr sah“.

Die Ludwigskirche ist der städtebauliche Auftakt der Schellingstraße. Dort ist seine Sabine zuhause, dort steht die geliebte Osteria.
Für letzten Freitag hatte er uns noch eingeladen zu seinem 80. Geburtstag.

Wir schreiben heute den 29. Oktober 2018. Es ist auf den Tag 30 Jahre und wenige Tage her, dass am 07. Oktober 1988 an dieser Kirche der große Trauerzug mit vielen tausenden von Menschen vorbeizog, Gästen aus aller Welt, 70 Staatsoberhäuptern und Regierungschefs aus allen Kontinenten. Inmitten im Trauerzug Wilfried, von dem der damals Verstorbene, hinter dessen Sarg wir herzogen, sagte:

„Scharnagl schreibt, was ich denke“.

Vor Wilfried stand damals die Riesenaufgabe, das Riesenwerk von Strauß, seine Erinnerungen zu fassen, in einer für die Nachwelt gesicherten Form.

Wer schreibt, bleibt. Heute ist es unumstritten, dass der historische Strauß größer und objektiver gesehen werden kann als zu seinen Lebzeiten – was Verdienst dieser durch Scharnagl verfassten und gesicherten Form ist. Als erster hat dies unser Gegenspieler Rudolf Augstein erkannt, der die „Erinnerungen“ selbst vorstellte, in einem Artikel im Spiegel und darin FJS unter die Handvoll Persönlichkeiten einordnete, die aus dem deutschen Trümmerland die Musterrepublik der Bundesrepublik gemacht hat. Wilfried hat nicht nur für FJS mit diesem großen Werk ein Denkmal gesetzt, länger dauernd als Erz, sondern unserer Sache. Für jeden von uns, der für sie gelebt hat und ihr verpflichtet ist. Wenige Tage nach dem Tod von Strauß legte er nochmal in einem großen Aufsatz in seinem Bayernkurier die Linie klar – wie in einem Lehrbuch, all das, was er Strauß aufgeschrieben und dieser übernommen hatte:
• Die Führungsverantwortung eines Politikers unterscheidet sich von der Marketingstrategie der Marketingwerbung.

• Die ängstliche Orientierung der Meinungsumfragen kann nicht seine Sache sein.

• Nicht ängstlich danach schielen was ankommt, sondern das sagen, worauf es ankommt. Und dann ganz fest:

„Wir müssen die Wirklichkeit zeigen, wie sie ist,
wir müssen die Schwierigkeiten und Gefahren zeigen wie sie sind und
wir müssen Wege Zeigen, die vernünftig und gangbar sind…“

Und dann das berühmte:

„Wer Mut hat, der macht auch Mut.“

Und eine Woche später befasste er sich nochmal mit dem vielzitierten „christlich“ in der Politik und er nahm das auf, was Ratzinger uns zum Schluss sagte über den hohen und gefährlichen Anspruch des Wortes „christlich“ in unserer Partei. Nicht von christlicher Politik wollen wir sprechen, sondern von Politik aus christlicher Verantwortung. Und von dem viel zierten „christlichen Sittengesetz“, dass es heißen soll:

„Dass unsere Vernunft in einer größeren Bindung steht
und dass dieser Grund aller Vernunft unangetastet bleibt.“

Damals ging es wie heute um das Konservative, um die Verwendung des Begriffes. Wilfried stieg ganz weit von der Tagespolitik zurück bis zu seinem König, zu Ludwig, den er „Bayerns wohl bedeutendsten König“ nennend als Kronzeuge für seine Linie aufführte:
Dieser sagte:

„Was alt ist und gut, soll bleiben:
Was alt ist und gleichgültig, mag bleiben;
was alt ist und schlecht, will ich stürzen,
und wenn es tausend Jahre bestünde.“

Kulturtradition, Zivilisation, rechtsstaatliche Ordnung, der historische Auftrag der europäischen Völker – das waren seine Themen.

Und immer wieder Bayern:

„Wir lieben Deutschland wie Vater und Mutter, aber Bayern wie die geliebte Frau“ – dieser Satz von Wilhelm Hoegner könnte auch von ihm gewesen sein. Wer Bayern nur als „Bundesland“ versteht, sagte Wilfried Scharnagl, greift viel zu kurz.

Mit Behagen erinnerte er daran, dass den Startschuss für sein „Bayern kann es auch alleine“, kein geringerer als Charles de Gaulle gegeben hatte, als er im September 1962 auf den Stufen der Feldherrnhalle, den unvergleichlichen Blick zum Siegestor im Auge, ausrief:

„C’est vrainment un Capital“
Das ist wahrlich eine Hauptstadt

Scharnagl verpflichtete in seinem Plädoyer sich und seine CSU, Meter um Meter von der bayerischen Souveränität zurückzugewinnen.

Die Biografie dieses ganz süddeutsch ausgerichteten Mannes, geboren in Plan bei Eger, wo Wallenstein herkam, kreiste um zwei bayerische Schicksalsstädte – Donauwörth und Freising – deren Gesichtsschwere ihn nie los lies:

Donauwörth, wohin die Eltern mit den Kindern geflohen waren,
nach Oberndorf im Allgäu zu Donauwörth gehörend, wo Wilfried aufwuchs: Zu den Kindern des Dorfes gehörte auch ein kleines Mädchen, ein Mädchen mit Zöpfen, die achtjährige Adelgunde.
Wir kennen sie alle: Gunda Scharnagl. Ohne die wir uns ihren Wilfried im Guten nie vorstellen konnten.

Gott sagte zu Adam:
„Ich will dir eine Gefährtin schaffen, Mensch, die um Dich sei“.

Sie war über 50 Jahre um ihn, hat ihn bis zum Schluss wunderbar gepflegt. Sie kann heute nicht hier sein bei uns in der Ludwigkirche, am Wochenende musste sie selbst kurz ins Krankenhaus. Das Herz.

In den frühen 60er Jahren zogen sie nach Freising und gründeten eine Familie. Eine journalistische Chance hat sich für den jungen Zeitgeschichtler und Germanisten aufgetan: Das Freisinger Tagblatt.

Die damals noch selbstständige Traditionszeitung suchte einen politischen Redakteur. Die erste Feuertaufe war der Abend des 22. November 1963, das Attentat auf John F. Kennedy, wo Wilfried im Alleineingang den Umbruch der Zeitung noch in der Nacht umwarf. So war das Freisinger Tagblatt am nächsten Morgen eine der wenigen Zeitungen in ganz Deutschland, die seine Leser die Schreckensnachricht aus Dallas in allen Einzelheiten mitteilen konnte.

Im Freising vollendete sich Scharnagls Familie. Sabine war angekommen. Der große Stolz des Vaters. Heute die vielsprachige, hochrenommierte Kulturjournalistin Dr. Sabine Scharnagl. Beruflich zuhause in Rom, Istanbul, Wien und Tel Aviv. Der Bücher-Vater und die literarische Tochter. Sie brachte sein lebenslanges Interesse an der deutschen Literatur auch zu den Amerikanern. Das letztgelesene Buch auf dem Schreibtisch war ein Roman von Graham Greene:

„Das Ende einer Affäre“.

Den jungen Wilfried, das konservative junge Presse-Talent holten sie in den 60ern nach München zur Mannschaft eines gewissen Franz Josef Strauß, der sich in der Götterdämmerung der Ära Adenauer anschickte, eine neue Ära zu begründen. Eine einmalige Entwicklung begann: An ihrem Ende war Scharnagl Chefredakteur und hatte mit seinem Herausgeber, den Bayernkurier zur größten und meistzitierten Wochenzeitung der Bundesrepublik Deutschland gemacht. Auflagenstärker als DIE ZEIT und der damals hochgerühmte Rheinische Merkur.

Am Montag war Spiegel-Tag, am Donnerstag kam der Gegenschlag aus München.

Strauß sagte dazu:

„Auf dem Schlachtfeld gibt es gelegentlich Verletzte.“

Wir sagen in der Rückschau:

„Es war eine großartige Zeit.“

Wilfried wurde zum unersetzlichen Begleiter für FJS – war auch überall im Ausland mit dabei. Nachdem beide sich mit Deng Hsiao Ping getroffen hatten, verbreitete Scharnagl die Ansage des Meisters der vier Modernisierungen Chinas an Strauß in alle Welt:

„Es ist egal, ob die Katze schwarz ist oder grau, Hauptsache sie fängt Mäuse.“

Mit Strauß war er bei Anwar el-Sadat, bei Ezer Weizman und Shimon Peres in Jerusalem und bei Hafez Assad in Damaskus. Er hat mit Präsident Ronald Reagan am Tisch gesessen und mit Margaret Thatcher auch, der Eisernen Lady. Mit dabei war er auch bei dem historischen Flug von Strauß zu Gorbatschow nach Moskau.

Noch lange nach dem Tod von FJS, ließ es sich Gorbatschow im Jahr 2015 nicht nehmen, Scharnagls Streitschrift

„Für einen anderen Umgang mit Russland“

in der russischen Hauptstadt vorzustellen. Zu dieser Vorstellung nach Moskau kam auch der 90-jährige Egon Bahr, der eine große Rede auf das Buch hielt, auf die Sache selbst und auf Wilfried persönlich. Es war der letzte Auftritt des Egon Bahr in der Öffentlichkeit überhaupt. Ich bin dabei gewesen, als das Alter Ego von Franz Josef Strauß vom engsten Weggefährten von Willy Brandt gerühmt wurde. Auch so geht Demokratie in Deutschland.

Wilfried Scharnagl verfügte über die Instinkte, die den Menschen sowohl zum Krieger wie zum Bruder machten. Schießen und getroffen werden. Siegen können und die Kunst der Niederlage beherrschen.

Und jetzt das ewige Leben.

Wilfried liebte den Kassenschlager vom Brandner Kasper und dessen Après-Vie, das Leben da-nach.

Es sah das Stück gemeinsam mit Gunda im Münchner Residenztheater, FJS soll gleich 7 Vorstellungen besucht haben. Besonders wird beiden Männern, die bekanntlich keiner Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen sind, die Stelle gefallen haben, wo „Porter“ Petrus dem Brandner die Vorzüge des bayerischen Himmels schildert, wo selbstverständlich auch das Jagen und das Schießen erlaubt sei:

„Und Jagn derf ma a?“
fragt der Kasper und der Petrus antwortet:
„Ja freili“ /“Und schiaßn a?“/“A, sagt der Petrus“
„Uns Wuid, wenns’t as triffst?“
„Fallt um, steht wiada auf und sagt: pack mas wieda!“

Wir hatten wirklich viel Spaß miteinander. Als wir durch den Freistaat fuhren genauso wie früher bei den großen Alpentouren mit FJS.
Von München bis ans Mittelmeer. Wichtig war immer auch die Frage, welche Musikkassetten mitgenommen werden. Natürlich auch der Bayerische Defiliermarsch. Man muss den Vorurteilen gerecht werden.
Den Jennerwein brauchten wir immer und Evita und „das schönste Bleamerl auf der Welt“. Unverzichtbar waren aber auch die Spirituals von Louis Armstrong, von uns beiden gleichermaßen verehrt und beim Mitsingen stimmlich nachgeahmt. Zum Schluss eigentlich immer:

„Oh when the saints go marching in
When the saints go marching in
Oh lord I want to be in that number“
„Oh wenn die Heiligen hereinmarschieren
Wenn die Heiligen hereinmarschieren
Lass mich o Herr dann dabei sein“